Seilschaft
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Ölfarbe auf Leinwand.
88 × 124 cm.
Gunter Grossholz in 2025
Die Seilschaft vierer Gipfelstürmer
Der Mensch ordnet die Welt, indem er sie überwindet. Er misst, benennt, besteigt, kartiert – setzt Linien, schreibt Namen dorthin, wo zuvor keine waren. So entsteht eine Ordnung, die weniger aus der Welt selbst kommt als aus dem Bedürfnis, sie verfügbar zu machen. Der Berg wird zum Ziel, zur Herausforderung, zum Gegner.
Doch nicht überall gilt diese Logik. In Tibet umrunden die Menschen die Berge, verbeugen sich vor ihnen, anerkennen ihre Kraft. Der Gipfel bleibt tabu, gehört der Natur und den Göttern. Wo die Höhe lebensfeindlich ist, die Luft dünn, Nahrung knapp, wird Überwindung unmöglich – und daraus entsteht Ehrfurcht. Der Mensch tritt nicht in Konkurrenz zur Natur, sondern hält Abstand, ohne den Bezug zu verlieren.
Diese Haltungen spiegeln unterschiedliche Weltbilder. In Europa, dicht besiedelt und naturbeherrschbar, ist der Gipfel erreichbar, und die Logik der Überwindung prägt Denken, Technik und Fortschritt. Wer Natur beherrscht, misst Wert und Erfolg an Leistung. In Regionen, die sich dem Zugriff entziehen, entsteht ein anderes Verhältnis: Orientierung durch Beziehung, nicht durch Eroberung; Erfahrung durch Dauer und Wiederkehr, nicht durch Höhe und Sichtbarkeit.
Asymmetrie der Selbstwahrnehmung
Auch Namen verändern die Wahrnehmung. Ein nach einem Menschen benannter Berg wird Teil einer Geschichte, die erst mit seiner „Entdeckung“ beginnt. Der Berg selbst bleibt, der Name vergeht. Die eine Haltung hinterlässt Spuren, Einträge, Erinnerung. Die andere bleibt leiser, unscheinbar, kaum dokumentiert, aber vielleicht beständiger.
Am Ende geht es nicht um Handlung, sondern um Bedeutung: Aneignung oder Beziehung, Leistung oder Praxis. Die Asymmetrie der Kultur zeigt sich darin, welche Formen des Umgangs sichtbar werden, welche im Hintergrund bleiben. Und sie erinnert daran, dass nicht alles erreicht werden muss, um zu bestehen. Es gibt Wege, die ohne Überwindung auskommen – und gerade darin Bestand haben.