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100 Jahre Einsamkeit

Aktualisiert: 1. Dez 2019


Durch den Drahtzaun spähend, rekapitulierte der Pater einen Augenblick lang seinen Katechismus und bat, man möge ihm die Tür öffnen, damit er aus der Nähe das jämmerliche Mannsbild prüfen könne, das zwischen all den gebannten Hühnern wie ein riesiges altersschwaches Huhn aussah. Er lag in einem Winkel und trocknete die ausgebreiteten Flügel an der Sonne zwischen Obstschalen und den Resten des Frühstücks, das die Frühaufsteher ihm zugeworfen hatten. Gefeit gegen weltliche Unverschämtheiten, hob er kaum seine Antiquarsaugen und murmelte etwas in seiner Mundart, als Pater Gonzaga den Hühnerstall betrat und ihm auf Lateinisch einen guten Morgen wünschte. Der Gemeindepfarrer argwöhnte zum erstenmal Betrug, als er feststellte, daß jener weder die Sprache Gottes verstand noch wußte, wie man seine Diener begrüßt. Dann bemerkte er, daß er aus der Nähe nur zu menschlich war: Er roch unerträglich nach Wind und Wetter, die Unterseite seiner Flügel war besät mit Schmarotzeralgen, die Hauptfedern waren von irdischen Winden mißhandelt, und nichts an seiner elenden Natur stand im Einklang mit der erhabenen Würde der Engel.

(1968 by Gabriel García Márquez, Ein sehr alter Herr mit riesen großen Flügeln)

Der Text stammt aus einer Geschichten Sammlung des spanischen Autors.

Die Haupteigenschaft jenes Engels ist Geduld. Seine Flügel werden wieder wachsen, bis er davon fliegt und die Last von den Schultern seiner Gastgeber nimmt.

In der Geschichte scheint es sich um einen alten Norweger zu handeln, der sich in ein südamerikanisches Dorf verirrt hat, dort seine Verletzungen auskuriert, um dann in seine Heimat zurückzukehren. Schon möglich, dass das seinerzeit vorgekommen ist und der Fremde anmutete, wie ein Mann vom anderen Stern. Auf jeden Fall die möglichst irdische Erscheinung des erhabensten Wesens, das als Fremder betrachtet nur eigenartig und abstoßend erscheint.100 Jahre Einsamkeit



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